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Jörg Barthel (2006)
Prof. Dr. Jörg Barthel ist Professor für Altes Testament und Biblische Theologie am Theologischen Seminar in Reutlingen.

Referat mit anschl. Diskussion am 03.11.2006
EmK Kandel, Waldstraße 36a,


"Warum verbirgst du dein Angesicht vor mir?"

Gottes Allmacht und das Leiden der Welt

1. Gottes Allmacht und die Frage nach Gott angesichts von Leid und Bösem
a) Die Frage
"Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde", heißt es im apostolischen Glaubensbekenntnis. Aber kann Gott allmächtig und gütig zugleich sein? Die Frage nach Gott im Leiden wird auch in der Bibel auf vielfältige Weise laut (vgl. z.B. Psalm 22,2; 13,2; Hiob 3,11; 13,24).

b) Das Problem der Theodizee
In der Neuzeit spitzt sich diese Frage zu im Versuch der Rechtfertigung Gottes angesichts der Übel der Welt ("Theodizee"). Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716): Die Welt ist die "beste aller möglichen Welten". Begründung: (1.) Das metaphysische Übel (die Endlichkeit der Welt) ist notwendig mit der Schöpfung gegeben. (2.) Das physische Übel (z.B. Krankheiten, Naturkatastrophen) ist eine notwendige Konsequenz der Endlichkeit und Unvollkommenheit der Welt. (3.) Das moralische Übel (das Böse) ist notwendig mit der Freiheit des Menschen gegeben. Andere Antworten: (1.) Das Böse geht auf eine gegengöttliche Macht zurück (Dualismus). (2.) Das Böse hat keine eigene Realität, es ist ein Mittel zum Guten.

2. Gottes Macht und Liebe in der Bibel
a) Allmacht Gottes in der Bibel?
Die Bibel kennt keine Lehre von der absoluten Allmacht Gottes (Gott lenkt und beherrscht jedes einzelne Ereignis in der Welt). Aber sie spricht von der Macht Gottes im Angesicht von Anfechtung, Leid und Unterdrückung oder in der Herausforderung durch andere Götter und weltliche Herrscher (vgl. Pantokrator, "Herrscher über das All", Offenbarung 4,8; 11,17; 15,3; 16,7; 19,6; 21,22; 2. Korinther 6,18).

b) Das Verhältnis von Macht und Liebe
Ist Liebe nur ein Handeln Gottes, der als solcher absolut allmächtig, unabhängig, aktiv und leidensunfähig ist? Oder ist Gott Liebe 1. Johannes 4,8.16)? Dann ist Gottes Macht die Macht seiner Liebe, dann gehören Empfänglichkeit, Empfindlichkeit, Leidensfähigkeit und damit auch Machtlosigkeit zu seinem Wesen (Bonhoeffer: "Nur der leidende Gott kann helfen"). Der leidende Christus am Kreuz ist tiefster Ausdruck dieser Liebe Gottes. Mit dem gekreuzigten Jesus stirbt auch mein Bild des einsam herrschenden Gottes, der unberührt von den Leiden der Welt irgendwo "da oben" thront (vgl. Hiob).

c) Nicht Erklärung, sondern Überwindung und Widerstand
Auch in der Bibel finden sich Ansätze zum Umgang mit Leid und Bösem, z.B. die Einsicht in die überindividuelle Dimension des Bösen und der Sünde ("Erbsünde") oder die Einsicht, dass Gott auch Böses am Ende zum Guten wenden kann (1. Mose 50,20). Aber die Bibel bietet keine Erklärung von Leiden und Bösem, sie ermutigt vielmehr zur Hoffnung auf ihre Überwindung (Offenbarung 21,4; Römer 8). Grund dieser Hoffnung ist die Auferstehung Jesu, das Zeichen der beginnenden Entmachtung von Sünde und Tod. Auch daraus lassen sich keine Erklärungen von Leiden und Bösem ableiten, wohl aber der Widerstand gegen die Mächte der Lieblosigkeit in dieser Welt.